She Chef

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egoFM Trailer

Von  Fabian Broicher
Wenn Agnes Karrasch übers Kochen spricht, hört man ihr zu.

"Kochen ist für mich eine Stütze", sagt sie. "Ich geh' nicht aus der Küche raus, musst mich schon raustragen". Als Protagonistin der Dokumentation She Chef ließ sie das Regie-Duo Melanie Liebheit und Gereon Wetzel über zwei Jahre lang an ihren Erfahrungen in der von Männern beherrschten Domäne der Spitzengastronomie teilhaben, wobei sie es wagten, einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen zu zeigen. Wie sind die Abläufe im ständigen Stress in einer Sterneküche, wie der Umgang der Angestellten, deren Nerven nach langen Schichten und kurzen Pausen blank liegen, untereinander, welche Kaliber überleben in solch einem Knochenjob? 
 

Worum geht's in She Chef?

Frisch mit dem Team des Wiener Restaurants Steirereck als Kochweltmeisterin ausgezeichnet, begegnen wir Agnes während unterschiedlicher Praktika nach ihrer Ausbildung. Die gebürtige Österreicherin landet zunächst im Vendôme in der Nähe von Köln, im Anschluss führen sie ihre Wege in eine belebte, spürbar vom Druck der Tourismusbranche beeinflusste Küche in Spaniens Hauptstadt, die von hundert neuen Rezepten während der Corona-Pandemie sprechen, um nicht einzurosten, sowie auf die abgelegenen Färöer-Inseln, wo Zutaten wie Napfschnecken und Waldkräuter aus der reichhaltigen und umwerfend schönen Natur in ebenso mühe- wie liebevoller Handarbeit gewonnen werden. An beiden Orten kämpft sie nicht nur mit stets herausfordernden neuen Arbeitsabläufen, sondern auch einem grundsätzlich rauen Umgangston, in dem testosterongeschwängerte Kommentare zum Teil an der Tagesordnung sind.
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So ist She Chef

Mit She Chef ist Melanie Liebheit und Gereon Wetzel ein eindrückliches Porträt einer ebenso eindrücklichen Persönlichkeit gelungen. Nicht nur, dass sie es geschafft haben, in dem hektischen Alltag oftmals beengter Küchen einige wirklich wundervolle Bilder einzufangen, Agnes' Leidenschaft wird obendrein tonal perfekt eingefangen. Dadurch ermöglicht die Doku einen etwas anderen Blick auf die Gastronomiewelt. Das reicht vom einfachen Messerkauf, dem vielleicht wichtigsten Utensil eines kochenden Menschen, über die Kreation neuer Gerichte bis hin zu den peniblen Achtsamkeiten, die in Luxusrestaurants, in denen selbst die Tischdecken mit Bügeleisen von den letzten Fältchen befreit werden, an der Tagesordnung sind.

Parallel zu dieser gewissen, der Sterneküche eigenen Ästhetik, die auf den Tellern wie auf der Leinwand herrscht, bemüht She Chef sich nicht darum, strukturelle Missstände am Arbeitsplatz Küche zu verschleiern - ein Thema, das dank immer wieder aufkommenden Vorwürfen gegen Spitzengastronomen hochaktuell ist. Dass Agnes diesbezüglich eine klare Haltung vertritt, verleiht dem Film eine spürbare Gutherzigkeit, von der man sich gerne anstecken lässt. Obwohl der Doku kurzzeitig der Fokus abhandenkommt, steckt in ihr ein ruhiger, sehenswerter Bericht von den Erfahrungen einer mutigen, couragierten jungen Frau, der man wünscht, ihre Pläne für andere Zustände in der Kochbranche bald umsetzen zu können.

Deswegen gibt es für She Chef insgesamt 8 von 10 Sternemenüs.

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