Mehr Schienen statt neuen Straßen

Mehr Schienen statt neuen Straßen

Andreas Barth von Pro Bahn im Interview

Von  Gloria Grünwald (Interview) | Miriam Fischer (Artikel) | Simon Kerber (Reflexikon)
Damit in der Zukunft mehr Menschen Bahn fahren, braucht es langfristige Lösungen. Welche genau, erklärt Andreas Barth von Pro Bahn.


Unpünktlich, teuer und überfüllt?

Diesen Ruf hat die Bahn bei vielen. Dabei muss die Bahn eigentlich dringend attraktiver werden, damit mehr Menschen öffentliche Verkehrsmittel nutzen und die Mobilitätswende gelingen kann. Das sagt auch Andreas Barth von Pro Bahn, einem unabhängigen Verbraucherverband, der die Interessen der Fahrgäst*innen des öffentlichen Fern- und Nahverkehrs vertritt.
"Klar ist, wir brauchen einfach beides: Wir brauchen ein Tarifsystem, was keine Leute abschreckt, was verständlich ist, mit dem Leute auch einfach umgehen können und genauso brauchen wir auch ein Angebot, das fährt, wo die Leute reinpassen und das auch flächendeckend vorhanden ist, das pünktlich ist, das zuverlässig ist." - Andreas Barth 

Bis 2030 sollen die Passagierzahlen verdoppelt werden 

Dieses Ziel von Bund und Ländern befürwortet Andreas Barth natürlich, um das zu erreichen, muss allerdings auch einiges passieren. Denn aktuell gibt es viele Probleme, das Schienennetz ist beispielsweise derzeit massiv überlastet. In den vergangenen Jahren hat der Bund einfach sehr viel Geld in den Neubau von Straßen und die Verbesserung der Infrastruktur und viel zu wenig in den Eisenbahnverkehr gesteckt, erklärt Andreas Barth.
"Wenn man sich anschaut, welche Unmengen an Straßen, die überhaupt nicht benötigt sind, wo man bei genauerem hinschauen feststellt, die haben verkehrlich keinen Entlastungseffekt, führen sogar genau in die Gegenrichtung, führen dazu, dass die Leute auf das Auto umsteigen statt auf die Bahn, wenn man die rausnimmt, wenn auch die Kapazitäten, die Baukapazitäten, die Planungskapazitäten umpriorisiert, dann kommen wir ganz klar weiter." - Andreas Barth

Er sagt außerdem:
"Wir müssen schon mal bei allem was wir machen uns ganz kritisch überlegen, machen wir das, was wir jetzt hier tun, weil es richtig ist, weil's objektiv nötig ist, weil's uns weiterbringt oder machen wir das, weil wir uns jetzt 60 Jahre lang daran gewöhnt haben, einfach viele Autostraßen zu bauen, obwohl es uns eigentlich gar nicht weiterbringt. Und mit der Antwort wird man die ein oder andere konkrete Maßnahme schon ganz anders beurteilen können und müssen." - Andreas Barth


Für den Ausbau und die Modernisierung der Deutschen Bahn will die Bundesregierung in den kommenden vier Jahren 88 Milliarden Euro investieren.

Das klingt erst mal nach ziemlich viel Geld, von Parteien wie der Linken kam aber zum Beispiel der Vorwurf, dass das sicher nicht genügen wird und eher doppelt so viel sein müsste. Andreas Barth betont allerdings auch, dass Geld allein seiner Meinung nach aber nicht ausreicht, um die Bahn zu reformieren, denn es gibt auch einen massiven Fachkräftemangel, für den es ganz klar längerfristige Pläne benötigt.
"Wenn man möchte, dass sich die Fahrgastzahlen verdoppeln, wenn man möchte, dass der Güterverkehr auf die Schiene geht, wenn möchte auch, dass die Feinstauberzeugung durch Reifenabrieb runter geht, wenn man möchte, dass die Verkehrstoten runtergehen, ja dann müssen wir natürlich ganz klar den Umweltverbund fördern und ganz klar die Eisenbahn." - Andreas Barth 

Im Interview erzählt Andreas Barth außerdem, wie er das 49-Euro-Ticket beurteilt. Zudem spricht er darüber, was er davon hält, dass die Bahn laut einer neuen EU-Verordnung in Zukunft kein Geld mehr zurückerstatten muss, wenn etwa Extremwetter oder Personen auf den Gleisen – also Umstände, die das Unternehmen nicht beeinflussen kann – an einer Verspätung schuld waren.

Das komplette Gespräch kannst du hier hören:

  • Andreas Barth im Interview
    Das komplette Gespräch zum Anhören
  • Die Privatisierung der Bahn
    egoFM Reflexikon


Mögliche Ursprünge der Probleme bei der Deutschen Bahn 

Die Privatisierung der Bahn wird häufig als großer Fehler der Vergangenheit bezeichnet, dabei war das eigentlich der Versuch, die Bahn zu reformieren. Nach der Wiedervereinigung hatte Deutschland zwei Staatsbahnen: die Deutsche Bundesbahn im Westen und die Deutsche Reichsbahn im Osten. Das Schienennetz galt damals als marode und unvollständig – auch wegen der Teilung des Landes. Mit der Bahnreform wurde das Bahnwesen zum 1. Januar 1994 neu geordnet.

Beide wurden zur privatrechtlichen Deutsche Bahn AG fusioniert. Diese gehörte ab diesem Zeitpunkt allerdings zu 100 Prozent dem Bund. 

Die Argumente für eine Privatisierung lauteten: mehr Wettbewerb führe zu mehr Effizienz und damit zu besseren Leistungen für die Kund*innen. Außerdem würden die öffentlichen Haushalte damit entlastet. Die Kritik daran richtet sich vorwiegend auf geringeren politischen Einfluss. So hätte die Politik weniger Möglichkeiten für Sanktionen und könnte Subventionen schlechter steuern. Eine Folge – so die Befürchtung – könnte der Rückgang des Regionalverkehrs sein, weil der nicht genügend Profit abwirft. Wer in diesem Streit recht hat, ist schwer zu sagen – es gibt beim Blick auf andere Länder Positiv- und Negativbeispiele für privatisierte und Staatsbahnen.

Klar ist: Anfang 1994 hatte die Bahn noch rund 350.000 Mitarbeiter*innen. Diese Zahl wurde über die Jahre quasi halbiert und nicht rentable Strecken und Bahnhöfe wurden stillgelegt. Aber zur Wahrheit gehört auch: neue Hochgeschwindigkeitsstrecken wurden gebaut und mittlerweile steigt auch wieder die Zahl der Beschäftigten.

1999 dann folgte die zweite Stufe der Bahnreform.

Fünf eigenständige AGs unter dem Dach einer Holding wurden gegründet. So entstanden zum Beispiel die DB Regio AG für den Nahverkehr oder DB Cargo für die Gütersparte. Danach sollte der umstrittenste Schritt folgen: der Gang an die Börse und damit eine teilweise Privatisierung. Den Kritiker*innen, die teilweise sogar mit dem Grundgesetz argumentierten, kam die Finanzkrise 2008 dazwischen. Wegen der deutlich geringer erwarteten Erlöse stoppte Finanzminister Peer Steinbrück den Börsengang. Seitdem ist dieser – eigentlich vorgesehene Schritt – nicht mehr angegangen worden.

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