Als der Lärm zur Musik wurde

Als der Lärm zur Musik wurde

Die Geschichte der elektronischen Musik von Geräuschmaschinen bis Tomorrowland

Von  Jule Fleischmann
Von Maschinen, die Krach machen, bis zu Festivals mit hunderttausenden Menschen.


Von den Geräuschpionieren zur Musique concrète

Elektronische Musik ist eng mit dem technischen Fortschritt verbunden. Schon um 1900 entstehen erste Instrumente, die Töne elektrisch erzeugen oder verstärken. Gleichzeitig setzt sich die Idee durch, dass auch Geräusche selbst Musik sein können. Der italienische Futurist Luigi Russolo veröffentlicht 1913 sein Manifest "Die Kunst der Geräusche". Für seine neue Art zu komponieren, baut er die Intonarumori – Geräuschmaschinen, die brummen, knattern und kreischen. Was damals nach purem Lärm klingt, wird zum Ausgangspunkt einer neuen musikalischen Idee. In den 1940er-Jahren wird nicht mehr nur mit Geräuschen experimentiert, sondern auch mit Aufnahmen. Pierre Schaeffer schneidet Alltagsklänge aus Schallplatten und Tonbändern, wiederholt und verfremdet sie. 1948 nennt er diese Methode "musique concrète".

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Vom Studioexperiment zum Synthesizer-Pop

In den 1950er-Jahren entsteht in Köln elektronische Musik, die vollständig im Studio produziert wird. Karlheinz Stockhausen arbeitet mit künstlich erzeugten Tönen und Tonbandtechnik. Werke wie "Gesang der Jünglinge" inspirieren später unter anderem Kraftwerk und Björk. Zur gleichen Zeit verändert der Synthesizer die Möglichkeiten elektronischer Musik. Mit dem Buchla 100 und dem Moog entstehen Instrumente, die elektronische Klänge auch live spielbar machen. Selbst die Beatles setzen einen Moog-Synthesizer ein – etwa bei "Here Comes the Sun". Kraftwerk machen elektronische Musik schließlich salonfähig. 1977 folgt mit Donna Summers "I Feel Love" der Grundstein für wie House und Techno.


Vom Synthie-Pop zur globalen Clubkultur

In den 1980er-Jahren wird elektronische Musik zu einer globalen Bewegung. Besonders in Großbritannien entstehen zahlreiche erfolgreiche Synthie-Pop-Acts: Depeche Mode, The Human League, Pet Shop Boys, Eurythmics und Soft Cell. Während Synthie-Pop Radio und Charts erobert, entstehen in den USA House und Techno. House entwickelt sich in Chicago, Techno in Detroit. In den 1990er-Jahren wächst daraus die Rave-Kultur – mit großen Partys, Festivals und einer neuen Generation von DJs und Künstlern wie The Prodigy, The Chemical Brothers, Fatboy Slim oder Snap!.

DJs, Festivals und der endgültige Ausbruch aus der Nische

Mit dem neuen Jahrtausend zieht elektronische Musik aus den Clubs auf riesige Bühnen und Festivalgelände. EDM – Electronic Dance Music – wird zum Sound einer internationalen Festivalbewegung. Festivals wie SonneMondSterne, Awakenings, Ultra und Tomorrowland wachsen zu großen Treffpunkten für elektronische Musik. Tomorrowland setzt dabei besonders auf aufwendige Bühnen, Lichtshows und eine märchenhafte Inszenierung. Gleichzeitig verschmilzt EDM immer stärker mit Pop. David Guetta arbeitet mit Sängerinnen wie Sia, die Swedish House Mafia füllen Stadien. Avicii landet mit "Levels" einen weltweiten Hit und wird zum Weltstar. Trotz der großen Festivalbühnen bleibt Techno ein wichtiger Teil der Clubkultur. In Berlin öffnet 2004 das Berghain und wird zu einem der bekanntesten Techno-Clubs der Welt. Was mit Russolos Geräuschmaschinen beginnt, reicht heute von experimentellen Klanginstallationen bis zu EDM-Hymnen vor riesigem Publikum. Elektronische Musik ist inzwischen längst kein Nischenprojekt mehr.



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