Über Frauen, Männer und Stereotype

Über Frauen, Männer und Stereotype

Im Gespräch mit Prof. Dr. Paula-Irene Villa

Männer weinen nie und Frauen reden zuviel. Was machen diese festgefahrenen Stereotype mit uns?

Prof. Dr. Paula-Irene Villa ist Professorin der Soziologie und Lehrstuhlinhaberin der allgemeinen Soziologie und Gender-Studies an der LMU in München.

Wir haben mit ihr über Geschlechterrollen, Stereotype, die Frauenquote und toxische Männlichkeit gesprochen.

  • Soziologin Prof. Dr. Paula-Irene Villa
    Das komplette Interview zum Nachhören

Geschlechterunterschiede sind angeboren und anerzogen

Zwischen Männern und Frauen gibt es Geschlechterunterschiede. Aber sind die nur natürlich?
"Es mag sein, dass es von Natur aus Geschlechterunterschiede gibt, die sind allerdings selber als auch von Natur aus gegeben sehr komplex. Also wenn man wirklich die genetische Dimension nimmt, die hormonelle Dimension, die anatomische Dimension. [...] Zusätzlich kommt dazu, dass unsere Natur, unsere Biologie immer auch interagiert mit der sozialen Wirklichkeit, also mit den Erfahrungen, die wir machen, mit den Kontexten, in denen wir sind, mit den Handlungen, die wir praktizieren - sodass also Natur und Kultur beim Menschen immer sehr stark verwoben sind."

Die stereotypen Bilder von Männern und Frauen sind total veraltet

Frauen sind gefühlsorientiert, kommunikativ und fürsorglich, Männer sind ehrgeizig, aktiv und die Ernährer der Familie - das sind stereotype Bilder von Frauen und Männern. Prof. Dr. Villa erklärt uns, woher die kommen:
"Diese Art von Stereotypen haben sehr stark mit dem 19. Jahrhundert zu tun, mit dem Entstehen der Moderne, der bürgerlichen Gesellschaft, die wissenschaftlich fundiertes Wissen hervorgebracht hat, dass es zwei Geschlechter gibt, die [...] biologisch - also von Natur aus - radikal verschieden sind und dass wir gar nichts daran ändern können."

Diese binäre Sichtweise ist heute immer noch ein Problem

"Diese Zweiwertigkeit - männlich, weiblich - diese sehr starke, zwangsläufige, binäre Form, die wir noch so sehr kennen und nutzen, die ist sicherlich für non-binäre Personen ein großes Problem."

In den Augen mancher Menschen macht diese Zweiwertigkeit nichtbinäre Menschen nämlich zu Ausnahmen oder gar zu "Freaks".
"Das erzeugt viel Leid. Wir wissen auch, dass Menschen, die eine Geschlechtlichkeit haben, die nicht so ganz mainstreamig ist, auch von Gewalt sehr betroffen sind. Das sind schwule Menschen, lesbische Frauen, trans Menschen, non-binäre Menschen..."



Blau vs. rosa: Geschlechterspezifische Vermarktung

Wenn wir einkaufen gehen, sehen wir überall Produkte, die explizit für Frauen oder Männer vermarktet werden. Das geht los bei Schuhen, über Rasierer und Spielzeug, bis hin zur Süßigkeit. Diesen Trend gibt es noch nicht so lange:
"Diese Dramatisierung von Geschlecht, also dieses in Szene setzen [...] ist wirklich ein Phänomen, das noch relativ jung ist."

In gewisser Weise gab es das schon länger, zum Beispiel bei der Kleidung in der Moderne.
"Aber dass man alle Produkte und jedes Ding nochmal so geschlechtlich markiert, das ist wirklich eine Art Marketing-Strategie der letzten Jahre, nicht mal Jahrzehnte."

Die Strategie dahinter:
"Das hat mit der, wie Fachleute sagen, Diversizifierung von Märkten zu tun. Man kann dann nämlich mit einem Produkt noch ganz viele Subprodukte erzeugen und noch viel mehr Menschen spezifisch, markttechnisch adressieren."



Über die Frauenquote

Die Frauenquote hält Prof. Dr. Villa für angebracht, jedoch sollte man sie nicht überbewerten:

"Ich glaube eine Quote ist oft sinnvoll, da wo es eben von alleine nicht geht. Und das nötigt die Einrichtungen, die dann eine Quote haben, dazu, darüber nachzudenken, warum es bislang nicht klappt, und sich was einfallen zu lassen, damit es besser klappt. [...] Insofern finde ich das gut, aber man sollte davon auch nicht das Allheilmittel erwarten."

Das Ziel der Frauenquote ist es nicht, dass Frauen plötzlich ganz viele Posten in bestimmten Bereichen abdecken, ...
"...sondern das Endziel sollte sein, dass es für ganz viele Ämter, Funktionen und Positionen endlich mal keine Rolle spielen sollte, welche Geschlechtlichkeit eine Person hat."

Stattdessen Erfahrung und Qualifikation - logisch oder?




Über toxische Männlichkeit

Toxische Männlichkeit ist weniger ein wissenschaftlicher Begriff, sondern viel mehr ein Begriff aus den Medien und der Popkultur. Damit sind Formen von Männlichkeit gemeint, die toxisch, also giftig für sich selbst, aber auch für das Umfeld sind.
"Formen von Männlichkeit, wo sich Männlichkeit darüber behauptet, gewalttätig zu sein, andere zu beherrschen und zu dominieren oder besondere Risikobereitschaft zu zeigen - Mutproben zum Beispiel."

Aber auch die Unterdrückung eigener Gefühle und das Verstecken von Schwächen sind Formen toxischer Männlichkeit.
Das kann zu psychischen Problemen führen. Oder dass Männer zum Beispiel auch mit Krankheiten schlechter umgehen können, weniger zum Arzt gehen und so ihre Gesundheit eher gefährden als Frauen.

Gibt es diese Probleme eigentlich auch bei Frauen - gibt es sowas wie toxische Weiblichkeit?



Prof. Dr. Paula-Irene Villa findet, dass auch Frauen toxisches Verhalten an den Tag legen können - dann aber eigentlich immer gegenüber sich selbst oder anderen Frauen:

"Es gibt auch Muster von Weiblichkeit, die schädlich sind. Zum Beispiel sich selbst ständig abzuwerten oder andere Frauen abzuwerten - zu sagen, die ist nicht gut oder weiblich genug. Mit Gewalt würde ich das nicht assoziieren - obwohl es natürlich auch gewalttätige Frauen gibt. Aber die Kombination, zu sagen, eine Frau ist in ihrer Weiblichkeit gewalttätig, das gibt es eigentlich nicht."

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