Bahnbrechende deutsche Fernsehserien

Bahnbrechende deutsche Fernsehserien

Von Stromberg bis zum Tatort

Von  Fred Schreiber
Welche Serien du gesehen haben musst und was sie ausmacht.


Das Boot

40 Männer, eingesperrt in einer Stahlröhre. Draußen der Atlantik, drinnen stickige Luft, Schweiß und Todesangst. Über ihnen ein feindliches Kriegsschiff auf der Jagd nach dem Uboot. 1981 kommt Das Boot in die Kinos. Vier Jahre später läuft die Geschichte als mehr als fünfstündiger Dreiteiler im deutschen Fernsehen – mit Einschaltquoten, wie sie sonst nur von Endspielen einer Fußball WM erreicht werden. Rund 24 Millionen Zuschauer*innen verfolgen das Kriegsdrama von Wolfgang Petersen. Er erzählt den Zweiten Weltkrieg nicht als Heldengeschichte, sondern als klaustrophobischen Albtraum, der seinen Schauspielern einiges abverlangt. Gedreht wird in den Bavaria-Film Studios in einem originalgetreuen Nachbau des U- Boots. in dem die Mannschaft unzählige Stunden in einem engen Set verbringt.

In den Hauptrollen: Jürgen Prochnow als wortkarger Kapitän, den alle nur den Alten nennen. Dazu Jan Fedder, Martin Semmelrogge und dazu der junge Herbert Grönemeyer, noch vor seiner Karriere als Musiker. Auch international wird Das Boot ein Riesenerfolg. Allein in den USA spielt der Film rund elfeinhalb Millionen Dollar ein. 1983 folgen sogar sechs Oscar-Nominierungen. Die Vorlage zum Film kam vom gleichnamigen Roman von Lothar Günter Buchheim, der selbst im zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter auf den U-Booten mitfuhr, um Propagandabilder für Zeitungen und Wochenschau zu liefern. 2018 wurde die Serie dann noch einmal mit vier Staffeln im PayTV fortgesetzt, kam aber durch die überfrachteten Handlungsstränge nicht mehr an das kompakte Original aus den Achtziger Jahren heran.


Stromberg

Die Kölner Capitolversicherung, Abteilung Schadensregulierung M bis Z. Zimmerpalmen, Neonlicht und Filterkaffee. Zwei Hand voll Halb bis Viertel motivierter Mitarbeiter*innen, geleitet von schlimmsten Fernsehchef aller Zeiten. Der Filmstil der Serie ist halbdokumentarisch. Bernd Stromberg und seine Mitarbeiter*innen werden begleitet von einem fiktiven Kamerateam, das nicht nur den nervenzerfetzenden, weil monotonen Büroalltag einfängt, sondern auch deren Gedanken über das Leben, die Kollegen oder auch die Arbeitsatmosphäre. Eher hinter als vor seinen Mitarbeitenden steht Abteilungsleiter Bernd Stromberg. Äußerst zielsicher im Treffen von Fettnäpfchen, einziger Fan seines Humors und Meister im Formulieren hinkender Vergleiche.

Das Vorbild der Serie kommt – wie eigentlich fast alles, was wirklich lustig ist – aus England. Vor 25 Jahren schufen Stephen Merchant und Ricky Gervais mit The Office nicht nur die Vorlage von Stromberg, sondern auch die für die nicht weniger erfolgreiche US - Version mit Steve Carell als Chef einer Papiergroßhandlung. Allen drei Protagonisten ist ein Humor zu eigen, den man im besten Fall als "politisch inkorrekt" bezeichnen kann und alle drei stammen aus einer Generation von Männern, die die Geschlechterdebatte um sie herum zwar wahrnehmen, doch für sich daraus keine Schlüsse ziehen wollen oder können. Stromberg ist nicht nur präzise gefilmt und gespielt, mit einer genauen Charakterstudie des Durchschnittsdeutschen und der Anleitung zum Fremdschämen. Stromberg ist vor allem eines: Seit Loriot und Gerhard Polt der beste Humor made in Germany.
  • Das Boot
    Bahnbrechende deutsche Fernsehserien
  • Stromberg
    Bahnbrechende deutsche Fernsehserien
  • Tatort
    Bahnbrechende deutsche Fernsehserien
  • Raumpatrouille Orion
    Bahnbrechende deutsche Fernsehserien

Tatort

Sonntagabend. Viertel nach acht. Ein Augenpaar im Closeup, ein Fadenkreuz, dazu eine Komposition von Klaus Doldinger. Ein kollektives Fernsehereignis beginnt. Seit 1970 gehört dieses Fernehritual zu Deutschland wie die Sportschau am Samstag oder Tageschau um 20 Uhr. Und alles fängt mit einer ungewöhnlichen Idee an: Nicht ein einziger Kommissar soll die Verbrechen der Republik aufklären, sondern jede Region bekommt eigene Ermittler*innen, eigene Geschichten und eigene Probleme. Am 29. November 1970 geht mit "Taxi nach Leipzig" der erste Tatort auf Sendung. Ein Krimi mitten im Kalten Krieg. Kommissar Trimmel aus Hamburg ermittelt in einem Fall, der ihn bis in die DDR führte. DerTatort bringt Figuren hervor, die sich von den handelsüblichen Fernsehkommissaren deutlich unterscheiden und mehr transportieren als die stets korrekten, aber auch meist eindimensionalen Derricks oder Alten.

1981 taucht mit Götz George als Schimanski erstmals ein fluchender, schwitzender, aber auch zerbrechlicher Typus Ermittler in den deutschen Wohnzimmern auf, dessen provokante Texte zum Tagesgespräch in ganz Deutschland werden. Der fiktive Tatort ist jedoch auch ein Spiegel der deutschen Zeitgeschichte. Von den Ausläufern des Wirtschaftswunders, über die Teilung und Wiedervereinigung, bis hin zu den Themen unserer Zeit, manchmal auch mit Rückwirkungen auf die Realität. 2007 ruft die Folge "Ehre wem Ehre gebührt" gut 15.000 Aleviten zu Protestkundgebungen auf die Straße, um gegen die Ausstrahlung des Tatorts zu demonstrieren: In insgesamt 23 verschiedenen Städte wurde bisher ermittelt. Darunter mit Zürich und Wien auch in unseren Nachbarländern. Mit über 80 verschiedenen Kommissar*innen und deren Teams. Der Tatort ist Föderalismus mit Leiche, Sozialkunde mit Blaulicht und der sonntägliche Beweis dafür, dass lineares Fernsehen noch ein Gemeinschaftsereignis sein kann. 


Raumpatrouille Orion

Ein Bügeleisen als Steuerknüppel, Joghurtbecher als Wandverkleidung und Brausetabletten, um ein Raumschiff aus dem Meer aufsteigen zu lassen. So sah im Jahr 1966 die Zukunft im deutschen Fernsehen aus. Millionen Zuschauer*innen waren begeistert. Am 17. September 1966 startet in der ARD die erste deutsche Science-Fiction-Fernsehserie: Raumpatrouille Orion. Fast zeitgleich mit dem amerikanischen Raumschiff Enterprise. Nur dass Regisseur Theo Mezger erheblich weniger Geld zur Verfügung hat und gezwungen ist, zu improvisieren. In den Hauptrollen: Dietmar Schönherr als Cliff Allister McLane, ein draufgängerischer Raumschiffkommandant, der Dienstvorschriften eher als unverbindliche Empfehlungen betrachtet. An seiner Seite Eva Pflug als Sicherheitsoffizierin Tamara Jagellovsk mit der Aufgabe, den eigenwilligen McLane zu kontrollieren.

Dabei ist die Serie auch ein Stück Zeitgeschichte. Mitten im Kalten Krieg erzählt sie von einer vereinten Menschheit, die gemeinsam das Weltall erforscht, von einer Zukunft, in der nationale Grenzen offenbar längst überwunden sind und von geradezu prophetischen Aussagen über künstliche Intelligenz. Mindestens ebenso legendär wie die Schauspieler*innen ist die Musik vom Peter Thomas Soundorchester. Eine wilde Mischung aus Jazz, Beat und futuristischen Klängen, zu denen für die Serie sogar ein eigener Tanzstil erfunden wurde. Raumpatrouille Orion wird 1966 zum Straßenfeger: Bis zu 56 Prozent Einschaltquote erreicht die Serie. Trotzdem ist nach nur sieben Folgen Schluss. Der Aufwand ist einfach zu groß. Doch im Laufe der Jahrzehnte hat die Serie längst Kultstatus erreicht. Nicht zuletzt wegen des Bügeleisens.

Design ❤ Agentur zwetschke