Die Gender Pay Gap aufgedröselt

Die Gender Pay Gap aufgedröselt

Endlich Gleichberechtigung - auch im Portemonnaie

Was die Gender Pay Gap bedeutet, warum sie existiert und wie wir dagegen vorgehen können.

Der Weltfrauentag am 8. März

Oh, das war schön. Die vielen Blumen, die ganzen Rabattaktionen und die ganzen "Lieblings-Powerfrauen"-Offenbarungen auf Social Media. Toll, toll, toll. Aber noch viel toller wäre, wenn dieser Weltfrauentag außer der Bauchpinselei und vielleicht dem oder der ein oder anderen Follower*in noch etwas bringen würden, wie zum Beispiel... Geld!

Geld? Frauen? Die werden doch eh schwanger.

Wäre doch voll unfair, wenn die genauso viel verdienen wie Männer, wenn die sich ruckizucki entscheiden, ein Kind in diese Welt zu setzen. Mutterschutz sechs Wochen davor, acht Wochen danach und im Anschluss zwölf Monate Elternzeit - ist doch eh schon voll das Risiko, eine Frau einzustellen, denn das wollen die ja alle früher oder später. Und sowieso: Wenn es Frauen so wichtig ist, dann sollen sie halt einfach einen Mann mit einem guten Job heiraten!

Wer denn in diesem Jahrhundert noch sowas sagt, fragst du dich?

Dazu musst du nur mal in die Kommentare der zahlreichen Postings auf Social Media schauen, die über die Gender Pay Gap aufklären. Auch bei uns. Oder warte: Eigentlich musst du nicht mal ins Internet gehen, um damit konfrontiert zu werden: Frag doch einfach mal deine nächsten Bekannten, was sie davon halten. Denn:

Kaum etwas wird so emotional diskutiert wie die Gender Pay Gap.

Das ist uns bei vergangenen Equal Pay Days immer aufgefallen. 

Equal Pay Days

An diesen Tagen (es gibt zwei) kann die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen besonders anschaulich dargestellt werden. Am Anfang des Jahres wird der deutsche Equal Pay Day - nunja, nicht gefeiert, sondern angesprochen. Dabei geht es um die tatsächlichen Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Aktuell sind die Deutschen bei 21 Prozent, was heißt, dass Frauen bis zum 17. März theoretisch komplett umsonst arbeiten (Der Tag verschiebt sich jedes Jahr um ein kleines bisschen).

Ein zweites Mal findet der Equal Pay Day im November statt. Der Tag richtet sich nach dem europäischen Durchschnitt, also aktuell 16 Prozent (jep, Deutschland ist auch in dieser Hinsicht mal wieder nicht unter den Vorreitern). Momentan wären wir da beim 4. November - ab dann könnten sich Frauen in ganz Europa eigentlich zurücklehnen und keinen Finger mehr rühren, denn bezahlt werden sie ab dann nicht mehr.

Bereinigt / unbereinigt

Die meisten (übrigens sowohl männliche, als auch weibliche) Kontra-Kommentierende in den sozialen Netzwerken und im Reallife echauffieren sich übrigens darüber, dass an diesen Tagen der unbereinigte Wert für die Gender Pay Gap im Fokus steht.

21 Prozent

So groß ist der Unterschied in Deutschland zwischen dem Verdienst von Männern und Frauen, wenn man weder den genauen Beruf, noch die Position oder die Qualifizierung beim Errechnen der Gender Pay Gap berücksichtigt. Soweit der allgemeine, also "unbereinigte" Wert.

Zwei bis acht Prozent

In das Bereinigen der Lohnunterschiede spielen so viele Faktoren rein, dass es nicht möglich ist, ihn wirklich eindeutig fest zu machen. Von Quelle zu Quelle zwischen zwei und acht Prozent variiert.
Die umfassendste Untersuchung davon kommt vom statistischen Bundesamt, das die Gender Pay Gap im Jahr 2014 auf sechs Prozent errechnet hat.

Aber jetzt mal dumm gesagt: sechs oder 21 Prozent sind doch Jackett wie Hose.

Wenn wirklich alle Faktoren gleich sind - der Beruf, die Position, die Qualifikation, die Jahre an Erfahrung - findest du es dann nicht ungerecht, wenn es schlichtweg an einem Geschlechtsteil liegt, dass jemand weniger verdient? Sei es auch nur ein halber Prozent: alles außer null bedeutet eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Doch um das Problem am unbereinigten Wert besser erkennen zu können, müssen wir uns die Gründe dahinter genauer anschauen.




Unterm Strich

Es ist einfach zu sagen, dass Frauen halt selbst Schuld seien, wenn sie nicht nach den besser bezahlten Jobs streben.


Dabei steckt dahinter noch viel, viel mehr, was unbedingt beachtet werden muss. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung hat viele Faktoren, die einer Gender Pay Gap in die Karten spielen, untersucht und kann nun einige Ergebnisse präsentieren. Wir fassen sie dir ein bisschen zusammen, die komplette Studie haben wir dir unten verlinkt.

Unbezahlte Care-Arbeit

Unter unbezahlter Care-Arbeit versteht man zum Beispiel kochen, aufräumen, putzen und Kinderpflege. Du bekommst ja nicht mal einen Keks, wenn du es endlich mal geschafft hast, den verdammten Glasmüll wegzubringen.

Diese unbezahlte Care-Arbeit wird heutzutage leider noch oft in der Verantwortung der Frau gesehen. Dass dies auch noch unsere Realität bestimmt, kann man an den Zahlen erkennen:

45 Prozent der Gesamtarbeitszeit von Frauen ist unbezahlte Care-Arbeit.


Bei Männern sind es 28 Prozent.
Komisch, denn ein Penis hindert nicht wirklich daran, einen Staubsauger zu bedienen, ebenso wenig wie es eine ominöse magische Kraft aus der Scheide ist, die die Küche blitzend blank macht.

Die Minijob-Falle

Weil Frauen eben noch viel mehr für jene unbezahlte Care-Arbeit zuständig sind, müssen sie das irgendwie mit dem bezahlten Job vereinbaren, der daraufhin kürzer kommt. Frauen arbeiten laut WSI viermal so häufig wie Männer in Teilzeit. Auf alle Beschäftigten gerechnet sind das 62 Prozent Frauen, die einen Minijob ausüben.

Geschlechtsspezifische Präferenzen

Nicht zu leugnen sind nach der Studie geschlechtsspezifische Präferenzen. Demnach finden sich Frauen vermehrt im Pflege- und Gesundheitsbereich wieder, die leider ziemlich schlecht bezahlt werden - gerade im Vergleich zu technischen Berufen, in denen viel mehr Männer tätig sind.

In Zeiten der Corona-Krise muss man sich doch fragen: Macht es Sinn, dass Pflegekräfte vergleichbar schlecht entlohnt werden?


Die 2.000 Euro-Hürde

Einen Vergleich, der die Gender Pay Gap besonders gut verdeutlicht, bietet die Erkenntnis, dass 25 Prozent der Vollzeit Arbeitnehmerinnen weniger als 2.000 Euro brutto im Monat verdienen. Bei Männern seien es laut der WSI-Studie 14 Prozent.



Der Kampf gegen die Gender Pay Gap

Wie du siehst: Ursachen für die Gender Pay Gap gibt es viele. Gründe keine. Umso wichtiger ist es also, an vielen Stellen das Bewusstsein zu schärfen, das eigene Verhalten in Frage zu stellen und aktiv gegen Ungerechtigkeiten zu werden. Im Folgenden ein paar Möglichkeiten...

Transparenz

Am einfachsten wäre es natürlich, wenn (gerade in Deutschland) in Sachen Gehalt nicht so eine derart große Geheimniskrämerei betrieben würde. Das 2018 in Kraft getretene Transparenzgesetz war zwar eine gut gemeinte Sache, ist aber leider eher sinnlos. Das Gehalt deiner Kolleginnen und Kollegen kannst du nämlich nur dann in Erfahrung bringen, wenn der Betrieb in dem ihr arbeitet, mindestens 200 Mitarbeiter*innen umfasst. Das trifft für 14 Millionen Arbeitnehmer*innen zu - für 26 Millionen nicht. Und auch dann kannst du nicht munter Gehälter anfragen, sondern nur die von vergleichbaren Stellen erfragen.

Doch auch ohne Transparenzgesetz kannst du aktiv das Gehalt deiner Kollegen und Kolleginnen in Erfahrung bringen - indem du sie einfach fragst. Das darfst du und das solltest du machen, auch wenn in deinem Vertrag etwas gegenteiliges steht: Arbeitsgerichte haben entschieden, dass das Verbot, mit anderen über dein Gehalt zu sprechen, rechtswidrig ist, weil es Persönlichkeitsrechte wie zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung verletzt.

Teilt die Elternzeit auf

Klar, das Baby wird im Bauch der Frau generiert, weswegen diese unter besonderem Schutz steht. Klar, die Bindung zwischen Mutter und Kind ist erstmal was ganz einzigartiges. Aber die Liebe ist nicht exklusiv. Forscher*innen haben längst herausgefunden, dass sich das Bindungshormon Oxytocin, das man sonst eher Frauen zugeschrieben hat, in vergleichbaren Mengen im Hirn eines Mannes bildet, wenn er vergleichbar am Leben des Kindes Teil hat. Auch ist längst bekannt, dass Kinder von einer gleichmäßigen Erziehung der Eltern profitieren.

Besondere Planung benötigt damit eigentlich nur das Stillen des Babys, doch auch dies ist kein großes Hexenwerk mehr - Pumpen sei Dank!

Ansonsten spricht doch eigentlich nichts dagegen, dass sich jeder Elternteil sieben Monate Auszeit zur Erziehung des gemeinsamen Kindes nimmt. Dabei geht es eben nicht darum, das Kind zuhause, bei den Großeltern oder in der Kita verwahrlosen zu lassen. Es geht darum, dass Kinder in den meisten Fällen unter der Verantwortung zweier Menschen stehen. Und die diese auch gemeinsam wahrnehmen sollten.

Partnerschaftsbonus in Anspruch nehmen

Um die beidseitige Erziehung der Kinder zu fördern, hat sich der Staat ein kleines Bonbon überlegt: den Partnerschaftsbonus. Diesen bekommen Eltern, die vier Monate vor oder nach der Zeit, in der sie Elterngeld beziehen, zwischen 25 und 30 Stunden arbeiten. Die Höhe dieses Incentives entspricht pro Person der individuellen Höhe vom Elterngeld Plus (das wiederum ist die Hälfte des Basiselterngeldes).
Toll, dass es sowas gibt - man muss es nur auch wahrnehmen.

"Aber der Mann verdient doch viel mehr!"

Ja, und? Beziehungsweise: Ja, eben! Per se mehr verdienen bedeutet auch, per se mehr Elterngeld zu bekommen. So schon mal darüber nachgedacht?

"Aber der Mann hat eine so tolle Position und er will die nächsten Jahre die Berufsleiter noch höher erklimmen!"

Du etwa nicht? Das Erklimmen der Karriereleiter ist keine Männersache und Mutter zu sein schließt nicht aus, gerne und gut zu arbeiten.

Hype die Teilzeit

Weil es sich gerade anbietet, kann man an dieser Stelle noch das Problem veralteter Arbeitsmodelle, die von veralteter Arbeitsmoral zehren, anprangern. Angenommen viel mehr Menschen würden dafür einstehen, dass Produktivität nicht unbedingt aus mehr Stunden, sondern viel mehr aus Motivation entsteht, dann wäre das auch die Möglichkeit, den gesellschaftlichen Konsens davon zu bereinigen, dass Überstunden lobenswert sind und sich Teilzeitmodelle nicht für leitende Personen eignen.

Überhaupt: Nicht jede Frau will Kinder kriegen

Nein. Einfach nein. Es ist unfair, Frauen anders zu bezahlen, weil theoretisch - also ganz biologisch - die Möglichkeit besteht, dass sie eventuell irgendwann mal schwanger wird. Man kann das nicht oft genug ins Bewusstsein der Menschen bringen: Nicht. Jede. Frau. Will. Ein. Kind. Haben.

Hau drauf, Schwester

Es ist nun kein großes Geheimnis, dass sich viele Menschen, aber gerade Frauen, von sich aus unter Wert verkaufen. Schuld daran sind eben jene patriarchalen Denkmuster, dass Kinderkriegen die Sache, ja fast schon die Schuld von Frauen ist, mit der sie Unternehmen schädigen.

Lasst uns das doch kollektiv vergessen und dafür neue Denkmuster generieren. Zum Beispiel: Du bist wertvoll und es steht dir zu, diesen Wert einzufordern. Bevor du also in die nächste Gehaltsverhandlung gehst, überlegst du dir am besten genau, wie viel du leistest und dafür an Lohn verdient hast. Und haust nochmal 21 Prozent drauf. Für diesen Punkt musst du nichtmal eine Frau sein.



Nicht okay

Um die Gender Pay Gap endlich auszugleichen, ist es wichtig, dass jeder Mensch, aber vor allem jede Frau erkennt, warum eine Gender Pay Gap nichts okayes ist - egal, wie gering und bereinigt sie ist.


Abschließend zu sagen ist: An vielen Ecken und Enden ist in Sachen Gleichberechtigung noch einiges zu tun. Nach und nach können wir Missstände aber nur dann eliminieren, wenn wir uns zunächst aufklären und daraufhin gemeinsam für mehr Gerechtigkeit kämpfen.

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