Clairo: Charm

Clairo: Charm

Das Album der Woche

Von  Vitus Aumann
Das bezauberndste Album des Jahres.

Musik aus der Komfortzone

Das klingt eigentlich nach einem eher zweifelhaften Kompliment. Es deutet so ein bisschen an, dass sich da jemand nicht wirklich angestrengt hätte. Aber muss man für große Kunst denn wirklich immer ständig leiden? Clairo liefert da ein eindrucksvolles Gegenbeispiel:

Ihr Album Charm zeigt, dass man auch im Wohlfühlzustand abliefern kann


Aufstieg mit Spuren

So rein nach Industriestandards hat Clairo wahrscheinlich den absolut perfekten Karrierestart hingelegt. Schon im Teeniealter hatte sie mit "Pretty Girl" ihren ersten viralen Hit. Zwei Jahre später kam dann schon das Debütalbum Immunity, das nicht nur wegen dem Überhit "Bags" schnell zum Szeneliebling wurde.

Die amerikanische DIY Pop Szene hatte schnell einen neuen Coverstar

Aber so ein kometenhafter Aufstieg ging längst nicht ohne Nebenwirkungen an Clairo vorbei. Der erste Hit brachte ihr so viel Aufmerksamkeit ein, dass sie sich kaum noch in der Uni zeigen konnte, ohne merkwürdige Blicke abzubekommen. Und nach dem Debütalbum gingen die "Industry Plant"-Vorwürfe los – die üblichen Kommentare, die gefühlt jede Künstlerin mit starkem Debütalbum ertragen muss.

Dazu kam dann noch Tourstress, bohrende Interviewfragen über tiefpersönliche Textzeilen, bevor dann auch noch eine Seuche losbrach. So kann man den Spaß am Musikmachen halt echt langfristig verlieren. Das hat Clairo zum Glück nicht – trotzdem musste eine nachhaltige Veränderung her.

Deswegen liefert Clario mit Charm jetzt so etwas wie ein zweites Debütalbum ab.

Nächste Klangreise

Dass sie musikalisch ziemlich vielseitig begabt ist, hat sie ja eh schon mit ihrem zweiten Album gezeigt. Sling klang kaum noch nach der bekannten zuckersüßen Lo-Fi Melancholie, sondern vielmehr nach erholsamen Chamberpop-Urlaub – ohne große Ohrwurmmomente, dafür aber mit einem Klangkosmos, in dem man sich stundenlang verlieren konnte.

Charm bringt diese beiden Welten jetzt näher zueinander, aber fügt auch noch ganz neue Klänge dazu. Denn für ihre dritte Platte hat sich Clairo mit Leon Michels zusammengetan, einer der Größen des Soul Revivals. Und so bekommt Charm einen stark souligen Anstrich, den man zu Immunity-Zeiten zwar definitiv nicht erwartet hätte, aber der Clairos Stimme wahnsinnig gut steht.

Ähnlich wie bei Sting lässt Clario die Instrumente dieses Mal nicht aus dem Computer kommen, sondern setzt auf analogere Klänge. So stapeln sich Klavier, Bläsersätze und Vintagesynthies übereinander und geben Charm einen warm-wohligen Nostalgieanstrich, zu dem Clairos ruhig-verführerische Stimme so gut passt, als ob sie nie auf andere Klänge gesungen hätte.

Komplett gut gelaunt kommen die Texte auf Charm zwar auch nicht durch die Kopfhörer:

"Nomad" eröffnet die Platte gleich mit dem schmerzhaften Ende einer dann doch nicht so zwanglosen Beziehung und auch "Slow Dance" kämpft mit einer Liebe, die nicht so ganz im Hier und Jetzt bleiben will. Aber Clairo klingt eben, auch wenn sie über unerwiderte Gefühle singt, zärtlich und hoffnungsvoll. Erst recht "Sexy To Someone" und "Add Up My Love" zaubern freundlich und bestimmt ein Lächeln ins Gesicht – so klingt man scheinbar, wenn man endlich sein richtiges musikalisches Zuhause gefunden hat.

Komfortzone kann halt auch echt super klingen – erst recht, wenn man weiß, dass der Weg dahin alles andere als komfortabel war.



Tracklist: Clairo - Charm

  1. Nomad
  2. Sexy to Someone
  3. Second Nature
  4. Slow Dance
  5. Thank You
  6. Terrapin
  7. Juna
  8. Add Up My Love
  9. Echo
  10. EGlory of the Snow
  11. Pier 4

Charm von Clairo wurde am 12. Juli 2024 via Clairo Records veröffentlicht.

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