boygenius: the record

boygenius: the record

Das Album der Woche

Von  Vitus Aumann
Die Kraft der Freundschaft in 42 Minuten.

Nur weil die Einzelteile hervorragend sind, muss das Gesamtpaket nicht auch gleich gut sein.  

Dass weiß jede*r, der sich schonmal Cremant in seinen Margharita gekippt hat und plötzlich doch nicht den neuen Szenedrink erfunden hat. Auch Fußballvereine werden nicht automatisch besser, nur weil Messi, Neymar und Mbappé zusammen auf dem Platz stehen. Und auch in der Musikgeschichte klingen sogenannte Supergroups auf dem Papier besser als auf Vinyl. Zumindest bis jetzt:

Denn mit the record erfüllen boygenius endlich das Versprechen, das sie vor fünf Jahren mit ihrer ersten EP gegeben haben.

 


Hypelevel Stratosphäre

Wenn du einen Menschen im Freundeskreis hast, der auf emotional angehauchte Gitarrenmusik steht - Na ja, dann wurde dir wahrscheinlich eh schon das ein oder andere Mal das Ohr abgekaut wie besonders diese Band ist. Aber woher kommt dieser unfassbar große Hype? Naja, zum einen weil die Geschichte von boygenius eigentlich viel zu süß klingt um wahr zu sein: Julien Baker lief bei einer Tour Backstage in Lucy Dacus rein - nach einem kurzen Gespräch waren die beiden quasi unzertrennlich. Zur gleichen Zeit war eine junge Sängerin namens Phoebe Bridgers ziemlich genervt darüber, ständig mit Julien Baker verglichen zu werden: Als sie dann aber doch mal auf Play gedrückt hat, flogen auch dort sofort die Funken. Irgendwann, als die drei zusammen auf Tour gehen wollten, kam die Idee auf, doch nur mal so zum Spaß einen Song zusammen aufzunehmen.

Ein paar Tage später kamen die drei mit einer ganzen EP aus dem Studio - Lucy, Julien und Phoebe hatten eine fast schon magische musikalische Chemie zwischen sich entdeckt und waren gleich noch ein Stück unzertrennlicher.


Trotzdem war eben nie so ganz klar, wie es danach mit der Band weitergeht: Erst recht nach der EP hatten alle drei Sängerinnen enorm erfolgreiche Karrieren, Phoebe Bridgers war sogar regelrecht auf dem Weg zum Superstar. Da noch irgendwo eine Supergroup unterzubringen, ist allein schon zeitlich ganz schön schwierig - da kann die ganze Magie schnell an der schnöden Realität der Musikindustrie zerschellen.

Julien, Phoebe und Lucy sind trotzdem an die Grenzen gegangen um doch noch endlich ein Album zu machen - und the record zeigt in jeder Minute, wie wichtig das Projekt für die drei ist.

 

Und warum wird boygenius jetzt eben nicht Opfer des Supergroup Fluchs?


Vielleicht weil sich niemand für das Projekt verbiegen musste. Bei manchen Songs hat ziemlich eindeutig eine Songschreiberin die Zügel in der Hand: Für "Anti-Curse" zum Beispiel lässt Julien ihre Stimme wie zu besten Turn Out The Lights-Zeiten aufheulen, "Leonard Cohen" ist so eine Geschichte, die einfach nur Lucy erzählen kann und in "Revolution 0" springt Phoebe, wie man es von ihr kennt, zwischen außerirdischer Coolness und allzu menschlicher Verletzlichkeit hin und her. Das macht the record ziemlich vielseitig und wendungsreich: Wenn nach dem A Capella Intro "Without You Without Them" plötzlich Julien Bakers Gitarre hereinkracht, kann man schon mal kurz zusammenzucken. Harmonie und Überraschung halten sich aber ziemlich die Waage, denn es gibt eben auch die Songs, bei denen die drei Musikerinnen zu etwas ganz Neuem verschmelzen: Zum Beispiel für "Cool About It", einer zuckersüßen bandinternen Liebeserklärung. Und natürlich für "Not Strong Enough", für den jede Stimme ihre eigene Strophe bekommen hat und somit den offensichtlichsten Hit der Platte abliefert.

the record ist also irgendwie beides: Ein Best-Of von drei fantastischen Künstlerinnen und gleichzeitig das Debüt einer ganz neuen Band.


 

Tote Hunde und Wasserleichen


Je tiefer man in the record eintaucht, desto mehr versteht man, wieso die Drei so eine unglaubliche Magie im Studio gespürt haben: Eigentlich müssten sie gar nicht groß über ihre Freundschaft singen, man hört sie eh in jeder perfekt getroffenen Gesangsharmonie heraus. Es passt natürlich trotzdem perfekt und gibt einen sehr wohligen Gegenpunkt zu den wie üblich enorm persönlichen Texten, die auch gerne mal in düstere Regionen abtauchen. Aber deutlich stärker als sonst steht auf the record eben auch das Überwinden von Krisen im Vordergrund. Gerade im Closer der Platte schaut Phoebe nochmal auf ihr fünf Jahre zurückliegendes Gefühlschaos aus "Me & My Dog" zurück, sogar die Melodie wird nochmal zitiert. Doch dieses Mal will sie eben nicht mit ihrem Hund vor allem davonlaufen, sondern endlich mit ihrem Leben zufrieden sein.

Eindrucksvoller kann man ein Versprechen kaum einlösen – Da stört es auch kaum noch, dass wir fünf Jahre warten mussten.

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    Das Album der Woche


Tracklist: boygenius - the record

  1. Without You Without Them
  2. $20
  3. Emily I'm Sorry
  4. True Blue
  5. Cool About It
  6. Not Strong Enough
  7. Revolution 0
  8. Leonard Cohen
  9. Satanist
  10. We're In Love
  11. Anti-Curse
  12. Letter To An Old Poet

the record von boygenius erscheint am 24. März 2023 via Interscope Records.

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