Schönheitsideale im Wandel der Zeit

Schönheitsideale im Wandel der Zeit

Von Venus über Aphrodite bis zum Barock

Von  Viktoria Molnar
Schönheit liegt im Auge des*der Betrachter*in. Doch wie haben sich diese Schönheitsideale im Wandel der Zeit verändert?


Steinzeit: Die Venus von Willendorf

Dicker Bauch, große Brust, schmale Schultern: Die Venus von Willendorf entspricht nicht unbedingt dem gängigen Schönheitsideal von heute. Und trotzdem galt sie für uns lange Zeit als das Sexsymbol der Steinzeit. Doch die kleine Steinfigur, die 1908 in der österreichischen Wachau entdeckt wurde, steht vermutlich eher für das Gegenteil: Ein Symbol des Überlebens. Denn die elf Zentimeter große Figurine - eine von mehreren Darstellungen - entstand zu einer Zeit, die klimatisch sehr fordernd gewesen sein muss. Das erklären nun Forscher*innen der University of Colorado: Wir konnten zeigen, dass diese Figuren mit Zeiten extremer Nahrungsknappheit korrelieren, sagt Erstautor Richard Johnson. Diese These stützt auch, dass Figurinen von Körpern, die in der Nähe von Gletschern gefunden wurden, deutlich runder sind als andere.

Denn vor rund 30.000 Jahren, in der Kaltzeit im Jungpaläolithikum, galt Fett vermutlich als Luxus und als Zeichen der Fruchtbarkeit. Frauen legten als Sammlerinnen große Strecken am Tag zurück und waren daher, sowie auch die jagenden Männer, vermutlich eher muskulös. In der Warmzeit rund 15.000 Jahre zuvor, hatte der Homo Sapiens genügend Essen gehabt, um sich ein Fettpolster anzufressen. So waren Kurven in der Kaltzeit danach folglich ein kaum erreichbares Ideal und so steht die Venus von Willendorf für ein Idealbild in Zeiten des Hungers.

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Ägypten: Schönheit für's Jenseits

Als der Ägyptologe Howard Carter 1922 das Grab KV62 im Tal der Könige entdeckte, fand er neben Statuen aus Gold und aufwendigen Schnitzereien auch Abbildungen, die den jungen König Tutanchamun als Schönheit darstellen. Für die alten Ägypter*innen nämlich war die optische Schönheit ein zentraler Aspekt ihres Lebens und Zeichen für Reichtum. Für die ägyptische Oberschicht hieß das: Schön und muskulös hatte Frau zu sein und möglichst jung sollte man aussehen. Schon die Königin Kleopatra badete dafür in Eselsmilch. Auch Schmuck aus Gold und wertige Leinenstoffe zierten die Körper derjenigen, die es sich leisten konnten. Die Köpfe wurden von schwarzen, üppigen Perücken umfasst und schmale Augenbrauen rahmten die Gesichter. Die Augen selbst wurden mit schwarzem Lidstrich betont. 

Schönheitsideale, die auch nach dem Tod erhalten werden mussten. Oder womöglich erst für das Jenseits selbst entstanden. Denn um den Göttern zu gefallen und in die nächste Welt übertreten zu können, sollte man gepflegt sein. Zumindest, wenn man den Abbildungen und Statuen Glauben schenkt. So zeigt die goldene Totenmaske Tutanchamun einen schönen Jungen Mann mit schmaler Nase, vollen Lippen und umrandeten Augen. Doch so schön wie dargestellt war der Kindskönig keinesfalls: Drei Wissenschaftler*innen-Teams rekonstruierten unabhängig voneinander ein Bild des jungen Königs, das ganz und gar nicht der Vorstellung entspricht. So soll auch Kleopatra, die bis heute als das Schönheitsideal der damaligen Zeit gilt, keinen perfektes Äußeres gehabt haben - Expert*innen des British Museums zufolge, soll die sagenumwobene Königin strenge Züge und schlechte Zähne gehabt haben. Eher rundlich und 1,52m groß soll sie gewesen sein. Wirklich verwundern müssen uns diese Nachrichten aber nicht: Stellten Abbilder der Oberschicht und der Königshäuser doch schon immer eine leicht idealisierte Form der Realität dar.


Griechenland: Aphrodite und Adonis

Die Haut hell und weiß wie Marmor, die Körper jugendlich und gestählt: Die Schönheitsideale im antiken Griechenland orientierten sich an Gottheiten wie Aphrodite und Adonis. Und waren somit ähnlich weit entfernt von der Realität, wie unsere heutigen Schönheitsideale. Adonis wird beispielsweise als ewigwährender Jüngling beschrieben, ganz nach dem Credo: Am besten nicht altern. Um diesem Ideal zu entsprechen - jung, schön und athletisch - stählten die Männer ihre Körper in den Gymnasien - Orte der körperlichen und intellektuellen Erziehung. Denn: In der Antike galt als schön, wer Selbstdisziplin und Beherrschung hatte. Die Körper sollten symmetrisch sein - je ausgewogener die Proportionen, desto besser. Hatten die Männer gebräunte Haut, stand das für ein aktives Leben im Freien, für Jagd und Kampf. 

Frauen jedoch sollten möglichst helle Haut haben, dem Dichter Homer zufolge sogar weißer als Elfenbein. Denn helle Haut stand für Reinheit und ein wohlhabendes Leben ohne lange Arbeiten in der Sonne - Rassismus gehörte also schon damals zum Alltag. Um diesem Schönheitsideal zu entsprechen, bleichten sich die Damen sogar ihre Haut - mit Kreide, Blei oder Arsen. Die Männer hingegen hellten ihre Haare auf, um den oftmals blond dargestellten Griechischen Gottheiten zu ähneln - mit Essig, Zitronensaft und Safran. Jegliche andere Körperbehaarung war im Griechenland der Antike verpönt, so rasierten sich die Männer und die Frauen ließen sich ihre Haare oftmals einzeln von Sklav*innen auszupfen. Doch an die Glätte des Marmors kam schon damals niemand heran. Die Schönheitsideale waren damals also nicht weniger toxisch als heute.
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Japan: Das Ohaguro

Ein strahlend, weißes Lächeln scheint ein Schönheitsideal unserer Zeit zu sein. Ganz im Gegenteil dazu: Japan vom Beginn des 9. Jahrhunderts an. Die Frauen hatten gepuderte Gesichter, rot-gefärbte Lippen und … schwarze Zähne. Kein Karies, sondern Gesellschaftlicher Kodex. Während der Heian-Dynastie und auch über die folgenden Jahrhunderte konnten Männer anhand eines Lächelns erkennen, welche Damen verheiratet oder volljährig waren. Dafür färbten sich die Frauen die Zähne schwarz. Diese Mode wurde als Ohaguro bezeichnet, zu deutsch das "Zähneschwärzen".

Die Farbe Schwarz stand in diesem Zusammenhang für Unterwerfung und Treue und war mit der Vorstellung verbunden, dass die Nacht dem Tag unterworfen, aber auch untrennbar mit ihm verbunden ist. Auch die Samurai färbten ihre Zähne als Zeichen der Treue zu ihrem Lehnsherren. Die schwarze Tinktur zum Färben bestand aus Eisenspänen und Nägeln, die in Reiswein oder Tee eingelegt wurden. Das Gemisch wurde dann mit Pinseln in regelmäßigen Abständen auf die Zähne geschmiert. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Ritual dann schließlich von der damaligen japanischen Regierung verboten und trotzdem vereinzelt bis ins 20. Jahrhundert aufrechterhalten.

Barock: Die Mode des Sonnenkönigs

Schmale Wespentaillen, überbordende Perücken und Haut weiß wie das Porzellan aus Meißen: Zur Zeit des Sonnenkönigs Louis dem 14., war nicht nur der Lebensstil in Frankreich protzig und prunkvoll, sondern auch die Mode. Zum weiblichen Schönheitsideal wurde die Sanduhrform. Überschüssige Pfunde? Einfach weg geschnürt! Dafür mussten die Frauen schmerzvoll enge Korsetts ertragen. Auch die Rüstungen der Männer waren hochtailliert. Bei den Herren jedoch wurde ein wenig Bauch toleriert, denn das Schönheitsideal der Männer bezog sich eher auf die Partie der Beine und Waden. Kniehosen, Seidenstrümpfe und zierliche Schuhe mit Schleifen brachten die Beine zur Geltung. Bei den Damen wiederum galten sichtbare Schulterknochen als mager. Der Hals, das Dekolleté und die Hände sollten schön sein, da diese nur selten bedeckt wurden.

Die Haut sollte möglichst weiß, das Haar gelockt sein. Dafür wurde gepudert, teilweise mit giftigem Bleiweiß, und die Haare mit halben Meter hohen Lockenperücken bedeckt. Der Sonnenkönig selbst hatte durch die Pocken seine Haare verloren und trug seitdem nur noch Perücken. Damit prägte er die Mode am Hof über Generationen hinweg. Ein Schönheitspflästerchen im Gesicht galt als modisch -  Sterne, Herzen und Mondsicheln klebte sich die französische Aristokratie ins Gesicht, um als Kontrast die weiße Schminke zu betonen, die teilweise so stark war, dass sich Ehepartner*innen auf Bällen nicht erkannten. Die Schminke nach den Bällen wieder runterzubekommen, muss schwierig gewesen sein, da die Menschen sich aus Angst vor der Pest nicht wuschen. Stattdessen übersprühten sie den Gestank mit Parfum. Ganz nach dem Motto: außen hui, innen pfui.

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